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Mittwoch, 24. Oktober 2007 - 22:05

Rezension: Dream Theater - Octavarium

This post is also available in english.

Für langweilig empfunden, nicht beachtet, noch eine Chance gegeben, geliebt. So könnte man in etwa den Verlauf der Beziehung zwischen dem achten Dream Theater-Album und mir beschreiben.

Wer wissen will, wie die Beziehung ausgeht, der lese den Rest dieser Rezension. (Smiley: smile)

Die Jungs aus New York lassen es auf diesem Album etwas ruhiger angehen als es beim Vorgänger Train of Thought der Fall war. Irgendwo (ah, da) habe ich mal gelesen, dass Octavarium alles das ist, was Train of Thought nicht war, sowohl im positiven als auch im negativen. Bei mir überwiegen vor allem die positiven Seiten, da mir die harte Linie von Dream Theater eh nicht so zu sagt.

Stürzen wir uns gleich ins Getümmel; Die Songs im Einzelnen:

  1. The Root of all Evil: Sehr cooles Intro und anschließend geht es gleich richtig los. Ich mag den Song genau wegen der ersten Minuten. Die progressiven Dauersolos fehlen hier (sind nur ein paar wenige), aber Dream Theater hält an der “der erste Song auf ner DTScheibe ist immer gut”-Tradition fest und die in den letzten Alben in Mode gekommene “Selbstzitierung” findet gleich im Opener statt. Diesesmal mit einem Teil aus “This dying Soul”. Nach den ersten knapp acht Minuten hat der Hörer einen Song gehört, der definitiv Lust auf mehr macht…

  2. Leider geht es erst einmal ganz anders weiter. Es folgt die Ballade “The answer lies within”. Im Gegensatz zum “Images and Words” Album finde ich diesmal eine solche Nummer zu so einem Zeitpunkt immer noch falsch platziert. Der Track an sich ist natürlich nicht schlecht, auch wenn Portnoy bei ähnlichen Stücken schonmal einfallsreicher war, und das Stück in erster Linie LaBrie und Rudess zu Gute kommt.

  3. Im anschließenden “These Walls” findet dann Portnoy wieder zu seiner gewohnten Innovation zurück. Die Strophe ist ihm wirklich toll gelungen. Der Song ist hauptsächlich von LaBrie getragen und zieht vom Tempo wieder etwas an, gehört aber nicht ganz zu den Highlights des Albums. Klarer Höhepunkt ist das Ende des Tracks in dem vor allem der Sound von Jordan Rudess und die Betonungen von Portnoy überzeugen.

  4. Moment, das kennen wir doch irgendwoher: Im Intro von “I walk beside you” ist wieder eine tickende Uhr zu hören. Das hatten wir ja schonmal im ersten Track auf der “Scenes from a Memory”. Find ich toll! (Smiley: smile)

    Dieser Song ist wohl der eingängigste und mainstreamigste auf dem Album: “Normale” Songstruktur, Bridge ohne Solo, das den Hörer überfordern könnte und eine schon fast popige Songlänge von etwas über vier Minuten. Dazu noch die Transponierung des Refrains am Ende. Was sich hier ganz unprogressiv und schon fast zu gewöhnlich anhört, ist genau das. Das Stück ist toll, keine Frage, aber auf einer “Best of Dream TheaterCompilation würde es wohl nur gelangen, wenn man die richtigen DT Fans nicht fragen würde.

  5. Der SongPanic Attack“ klingt genau so wie er heißt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist das wohl der härteste Track des Albums, bei dem jeder der fünf Musiker zum Zug kommt: Myung im Intro, Rudess wertet die Teile perfekt auf, Portnoy und Petrucci sind sowieso allgegenwärtig und LaBrie liefert hier wieder eine super Leistung ab und zeigt, das er nicht nur die seichteren Töne der zwei vorherigeren Songs gekonnt trifft.

    Die Liedstruktur ist wieder etwas ungeradliniger und so kommen auch so tolle Einmalparts vor, wie der bei 4:00. Und auch endlich ein längerer Instrumentalteil, dessen Anfang rythmisch toll, schnell und gitarrenorientiert ist, aber nicht wie der “Hau drauf Metal” des Vorgängeralbums wirkt. Rudess und Petrucci wechseln sich hier mit den Solis super ab und der Ausgang aus dem Teil und das Finale des Songs sind super gelungen, vor allem der Syntesizerkram ganz am Schluss ist sehr Rudess mässig (erinnert mich doch glatt an “Feed the Wheel” ). Ganz klar einer der besten Stücke auf dem Album.

  6. Das Tempo bleibt in etwa bestehen – nicht ganz – und mit “Never enough” befindet sich der Hörer wieder in der Richtung des ersten Tracks. Über die gesamte Länge hin gibt es wenige Qualitätsunterschiede, lediglich der Instrumentalteil der in etwa bei der Hälfte beginnt hebt sich leicht nach oben ab, wenn auch nicht viel, da hier nicht die ganz krassen Solos ausgespackt werden. Hauptsächlich würde ich wieder einmal behaupten, dass hier LaBrie hervorsticht und der Rest gewohnte Dream Theater Arbeit abliefert. Erwähnenswert finde ich den gelungenen effektvollen Übergang zum nächsten Song.

  7. Sacrificed Sons ist, wie der Name es schon andeutet, sehr politisch und auf die Terroranschläge am 11. September bezogen. Obwohl einen das Thema überall begegnet und schon zu den Ohren rauskommt, finde ich, dass die wenigen politischen DT Songs immer recht gut waren. So auch dieser. Es beginnt alles sehr ruhig und pianodominiert im 3/4 Takt und wird bis zum zweiten Teil sehr groß und bombastisch. Ab der vierten Minute geht es dann aber wieder richtig rund, der folgende Instrumentalteil beeinhaltet einige der besten Melodien des gesamten Albums, wie immer in meist nicht ganz geraden Takten. Vor allem Portnoy bringt wieder Abwechslung rein, in dem er bestimmte 3/4 Teile einmal normal spielt und einmal als wären sie normale 4/4er (um 7:00). Kurz darauf darf auch LaBrie wieder ran und verleiht dem Track wieder die anfänglich symphonische Stimmung, die von der gesamten Band anschließend aufgegriffen wird. Das Ende von “Sacrificed Sons” ist dann wieder sehr ryhtmuslastig und Portnoy spielt wieder eine Art Solo um den Song noch etwas zu verlängern, bevor die letzten Power Akzente den zweitbesten Track dieser Scheibe beenden.

  8. Octavarium: Der obligatorische Longtrack, war mein erster Gedanke. Erst einmal kein gutes Zeichen, da Dream Theater zuletzt mit “Six Degrees of Inner Turbulence” gezeigt hat, dass man es auch übertreiben kann.

    Beginnen tut alles mit einem tollen Keyboardsolo, das vom Stil ein wenig an den Anfang von “Trial of Tears” erinnert. Wer aber glaubt, dass da noch eine Gitarre im Spiel ist, dem kann ich auf die “ScoreDVD verweisen, wo man sieht, das Jordan da ein ganz neues Instrument spielt, das einfach nur ähnlich klingt.

    Anschließend beginnt der langwierigste Teil des Liedes. Bis 11:39 spielt sich alles in einem sehr ruhigen, schon fast langweiligem Tempo und Arrangement ab. Sehr unplugged, für DT Verhältnisse. Viel positives gibt es hier meiner Meinung nach nicht zu berichten. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass Freunde des frühen Progs durchaus gefallen an diesen Teilen finden. Lediglich John Myung halte ich für seine tollen Basseinlagen erwähnenswert, die perfekt zeigen, das ein Bass was anderes als nur eine tief gestimmte Gitarre ist und auch in solchen Passagen dem Abschnitt einen ganz eigenen Stempel aufdrücken kann.

    Danach kommt ein tolles Keyboardsolo von Rudess, bei dem im Gegensatz zum Ersten der Rest der Band begleitet. Leider kommt mir immer wieder der Gedanke, dass dieser Teil einfach eine lieblose Brücke zum nachfolgenden Teil darstellen sollte.

    Dieser nächste Teil ist allerdings der Anfang von einem der besten 10 Minuten Musik, die ich in meinem ganzen Leben bisher gehört habe. Es beginnt alles mit einem deutlischen subjektiven Temposprung und einer tollen und treibenden Gitarrenlinie. Rudess steigt mit einem Orgel Sound ein und LaBrie zeigt endgültig das er eine tolle Stimme hat. Die Lyrics die er singt, sind zwar sehr verworren, um nicht sogar zu sagen ohne Sinn, aber die Worte passen einfach genial zur Musik und Portnoy betont gekonnt einige Silben von seinem von ihm geschriebenen Text. Nach zwei Durchgängen folgt der nächste Instrumentalpart, der sich so langsam aufbaut, das es schon fast nervenzerfezend ist. Hin und wieder folgen einige krasse (un-)ryhtmische Geschichten, die man bei DT so noch nie gehört hat. Das lustige ist, das Rudess fast die ganze Zeit bei seinem Orgel Sound bleibt und somit eine perfekte Synergie aus modernem Prog-Metal und dem alten Retro-Prog darstellt. Und endlich, ja endlich folgt auch die heißersehnte Rudess vs. Petrucci Notenschlacht in die sie in einem irren Tempo über eine irre lange Zeitspanne eine der irrsten Linien spielen, die die beiden wohl je zusammen gemacht haben. Wohlgemerkt: Zusammen, parallel, beide. Die ganze Zeit.

    Ha und dann war dann noch der Teil in dem wieder abgefahrene Gitarren Sounds einen Kontrast zum Metalgeschlage von vorher ergeben. Wer hier an LTE und Another Dimnension denkt, ist genau richtig. Kurz darauf meint man, dass die Notenflut nun vorbei ist und man die wegen der Anspannung in die Armsützten des Stuhles gebohrten Fingernägel aus eben dieser entfernen kann. Aber weit gefehlt. Mehr als eine kurze Verschnaufspause lassen die fünf Jungs nicht zu und arbeiten schon am endgültigen Höhepunkt an dem die große Bombe endlich explodiert. Was passiert? Ein simpler Aufbau, ist die Wahl gewesen. Es beginnt mit einem ausklingendem Ton der Gitarre, Portnoy spielt seinen Beat weiter und dann steigen Petrucci und Myung wieder ein, anschließend kommt Rudess und LaBrie labert/singt wieder so wirres Zeugs. Im Hintergrund kommen komische Geräusche und als es schon fast unerträglich wird, hämmert Portnoy einen krachenden Rythmus auf der Snare, den alle anderen mitspielen. Und LaBrie schreit. Er schreit! Er schreit als ginge es um sein Leben! Das hatten wir bisher noch nicht und darüber war ich ganz froh, meine allgemeine Abneigung gegen jegliches Shouting, das keine Spur von Gesang mehr enthält, ist allseits bekannt. Aber hier gefiel es mir nach einiger Zeit doch ganz gut und vor allem ist es passend. Es pusht den Höhepunkt extrem und ist stilistisch das richtige Mittel.

    Danach erfolgt der große Ausklang des Stückes. Rudess ist wieder der Symphoniker und alles andere klingt sehr entspannt, aber auch groß. So fühlt man nach den vorherigen aufwühlenden Minuten nun endlich, wie sich der Adrenalinspiegel senkt und man langsam realisert welch großartige und geniale Musik man vorher gehört hat. Das Ende fühlt sich richtig und absolut gut an und wenn die letzten langen Töne verklungen sind hat man das Gefühl ein wirklich tolles Album gehört zu haben.

Und genau das ist auch der Punkt: Octavarium mag einige Songs haben, die nicht 1000%ig überzeugen, aber alle Songs bilden eine Einheit. Ich habe zwar meine Favoriten, höre aber vor allem das gesamte Album gerne.

Es trägt sogar zu seiner eigenen Abgeschlossenheit und Faszination bei, da es tausend kleine Spielerein zu geben scheint, die zwar diesesmal nicht auf die muskalische Genialität der fünf Musiker zurück zu führen sind, sondern eher auf ein tolles Gesamtkonzept und auf eine große Portion (An-)Spielerei. War es bei den vorherigen Alben so, dass der erste Song immer mit dem letzten Ton oder Effekt des vorherigen Albums aufgehört hatte, schließt Octavarium den Kreis, indem “The root of all evil” zwar “richtig” beginnt, Octavarium aber mit dem Anfang des selben Openers schließt. Von daher dreht man sich ab hier im Kreis, wozu die Lyrics des “Schreiteiles” wunderbar passen (Trapped inside this Octavarium, und später We move in circles).
Zudem gibt es für Rätselsucher und Zahlenspieler viel zu entdecken. So enthält das achte Album genau acht Songs, die wiederum eine Anspielung auf die acht Ganztöne einer Oktave sein könnten, was wiederum ein Hinweis auf die fünf Kugeln auf dem Cover sein könnte. Wer mehr über die “mysteriösen Hintergründe” des Album erfahren will, der kann zum Beispiel auf dieser Seite nachsehen, die viele Theorien über mögliche Anspielungen aufstellt.

Mit etwas Abstand betrachtet ist Octavarium eines der besten Dream Theater Alben überhaupt, auch wenn etwas das übliche Sologefrickel fehlt. Zu verdanken ist dies vor allem James LaBrie der die Songs meiner Meinung nach am meisten prägt und eine gesangliche Leistung wie schon seit langem nicht mehr abgibt. Insgesamt gibt es von mir einen halben Punkt Abzug, weil der letzte Track wirklich etwas zu lang ist und man lieber die ersten elf Minuten etwas gekürzt hätte. Es bleiben 4,5 von 5 Punkten.

Eingeordnet unter: Musik
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  1. Majo schrieb am 25.10.2007 - 13:54:24
    ok, hab grade was festgestellt:

    Erst hören dann lesen. (Smiley: wink)
  2. Philipp Söhnlein (Website) schrieb am 25.10.2007 - 15:03:36
    Wie meinen?
  3. Majo schrieb am 25.10.2007 - 16:36:47
    her mit der CD!

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